Dass manchen der Rechtsruck nicht schnell genug gehen kann – oder sie zumindest möglichst schnell davon profitieren wollen, zeigt sich derzeit an vielen Stellen in der deutschen Medienlandschaft. Ein aktuelles Beispiel stellen die Medienunternehmungen von Holger Friedrich dar, der die „Berliner Zeitung“ zu seinem Privatvergnügen umgebaut hat und nun mit der „Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (OAZ) eine Stimme des Ostens inszeniert. Diese selbsternannte Vertretung besteht vor allem darin, extrem rechte Positionen über Lokalkolorit salonfähig zu machen – egal, ob dessen prominenteste Vertreter*innen wie Höcke oder Kubitschek eigentlich aus dem Westen kommen und nur hier siedeln, um für ihre Ziele „vom Osten“ zu profitieren.
Dass die Neue Rechte mediale Aufmerksamkeit erhält, mit der sie meist recht gut umzugehen weiß, ist leider nichts Neues, aber derzeit auf einem neuen Höhepunkt angelangt. Die oben genannte OAZ bspw. engagierte Bernd Zeller als Journalist, der 2019 durch seine Veröffentlichung mit dem Titel „Die Sprache des Grünen Reichs“ negativ auffiel und sich offenbar immer weiter nach rechts bewegt, was u.a. daran festgemacht werden kann, dass er als Funktionär bei der faschistischen Buchmesse von Susanne Dagen auftrat, welche im November wieder in Halle stattfinden soll. Der „Ostdeutsche Verlag“, in dem die OAZ erscheint, war letztes Jahr bei der Halleschen Buchmesse ebenfalls mit einem eigenen Stand vor Ort (1).
Einen weiteren Peak erreichte die BZ-Journalistin Sophie-Marie Schulz, als sie sich darum bemühte, von einem vermeintlich nicht-rechten Standpunkt aus für Verständnis zu werben. So schrieb sie über die Buchmesse in Halle, bei der ganz offen zahlreiche Neonazis unterwegs waren, dass dort das „Gefühl der Zensur“ die Leute zusammengebracht habe und es dort Bücher gäbe, die sonst „keiner lesen“ dürfe (2). Bei dem antifaschistischen Gegenprotest sieht sie selbstverständlich kein Gefühl der Bedrohung, sondern schlicht Störer*innen. Weitere Höhepunkte journalistischer Qualität sind z.B. bei Artikeln wie „Vom grünen Idealisten zum AfD-Wähler“ zu finden, der sich mehr als Ulf Poschardts inneren Monolog denn als eine ernsthafte Reportage liest (3).
Ihre Mission für mehr Verständnis für Rechte zu sorgen, verfolgt Schulz jetzt mit einem Bericht über das Filmprojekt „Meeting Götz“, welches so tut, als hätte es noch nie eine Home Story aus Schnellroda gegeben (4). Es geht dabei darum, dass Birgit Bergmann und Gregor Centner dem Faschisten Götz Kubitschek lang und breit die Gelegenheit geben, sich selbst zu verharmlosen, was damit begründet wird, dass Centner auf derselben Schule wie Kubitschek war und sich ganz anders entwickelt hätte. Und in der Tat produziert die elitäre Ravensburger Schule der beiden eine große Diversität: Der eine ist ein Faschist, der andere verteidigt ihn. Schulz prüft diese sehr deutsche Vielfalt nicht, vielmehr gibt sie den Filmemacher*innen in einem eingeordneten Interview lang und breit die Gelegenheit, sich etwa darüber zu beklagen, dass angeblich niemand bei unseren Protesten in Schnellroda mit Centner reden wollte („Später habe ich versucht, mit der Antifa zu sprechen. Sie wollten nicht. Nur die Polizisten haben sich mit mir unterhalten.“). Am Ende lässt sich der Take, der sowohl in der Berliner Zeitung als auch in der OAZ veröffentlicht wurde, weil er für die Agenda von Holger Friedrich so schön passt, darauf zusammendampfen, dass Kubitschek ja auch menschlich sei und man dessen ach so spannenden Gedanken integrieren müsste (5)
Besonders dreist ist allerdings allein der Gedanke, dass Centner behauptet, mit seinem Film irgendeinen Widerspruch in antifaschistischer Politik aufgezeigt zu haben. Centner will nicht einmal die Frage beantworten, ob Kubitschek gefährlich sei und seineangeblich progressive Einstellung ist so aufgesetzt, dass sie von Kubitscheks Plattitüden ins Wanken gebracht wird.
Denn das Drehbuch „Linker redet mit Faschist, kritisiert die Ausgrenzung durch das eigene Lager und hat bahnbrechende Erkenntnisse“ wurde in den letzten Jahren so oft gebraucht, dass es absolut lächerlich ist, den Leser*innen sowas schon wieder vorzusetzen. Wir vermuten, es gibt einigen das Gefühl, mit der Aufgabe jeglicher demokratischer Grundwerte auch noch das richtige zu tun – ein Gefühl, was OAZ/BZ, WELT und ZEIT wohl sehr gerne monetarisieren.
Verweise:
(1) https://www.blaetter.de/ausgabe/2026/april/holger-friedrich-und-die-oaz-wie-ein-verleger-demokratiefeinde-hofiert
(2) https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/die-verbotenen-buecher-ein-tag-auf-der-buchmesse-seitenwechsel-in-halle-an-der-saale-li.10004728
(3) https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/vom-gruenen-idealisten-zum-afd-waehler-das-fuehlt-sich-an-wie-ein-schuss-ins-eigene-kniedas-sind-linksradikale-faschisten-warum-ein-frueherer-gruener-heute-die-afd-waehlt-von-den-gruenen-zur-afd-ich-setzte-mein-kreuz-an-einer-stelle-an-der-ich-mir-ins-eigene-knie-schiesse-li.2347026
(4) https://www.imdb.com/de/title/tt40573728/
(5) https://ostdeutscheallgemeine.com/article/meeting-10026892
