Im Januar 2019 sind die drei Kameraden Philip Stein, Jörg Dittus und Volker Zierke nach Rom gereist, um an einem Aufmarsch der faschistischen Bewegung „Casapound“ teilzunehmen. Traditionell gehört der „Römische Gruß“ zu dieser Veranstaltung und so konnten sich die drei deutschen Neonazis gleich ganz befreit fühlen, denn der Bezug zum historischen Faschismus wird dort offen ausgelebt.
In Deutschland haben sich Stein, Dittus und Zierke immer wieder in Mimikry versucht: Einerseits hängt man in offen faschistischen Kreisen herum, ist im völkischen Verlagswesen beim „Verlag Antaios“ und beim „Jungeuropa-Verlag“ sowie in der „Identitären Bewegung“ als Oberfunktionär engagiert und nimmt mutmaßlich an Angriffen auf Andersdenkende teil. Andererseits möchte man dann doch vom Bürgertum anerkannt und für die eigenen Textversuche gelobt werden.
Letzteres ist Zierke jetzt gelungen – nicht, weil er sich in irgendeiner Form „gemäßigt“ hätte, sondern weil einige deutsche Journalist*innen kein Problem mehr damit haben, faschistische Agitator*innen in ihren Texten zu bewerben. So besprechen Mariam Lau (ZEIT) und Tilman Krause (WELT) nicht nur Zierkes Buch „Herrengedeck“, sondern bemühen sich auch, ihn insgesamt in ihren Diskurs aufzunehmen. In viel zu vielen Zeilen schwärmen sie davon, dass ja auch ein Rechter tiefsinnig sein kann. Zierke sei ein „Zweifler und Melancholiker“ (Lau) bzw. „Grübler auf der Suche nach Sinn“ (Krause).
Die offensichtliche Verbreitung faschistischer Propaganda wie die Menschenfeindlichkeit des Buches werden gerne ignoriert oder als aufregend-authentische oder gar verständliche Einsichten präsentiert (Krause: „Als eine Gruppe aus dem Queer-Studies-Seminar im entsprechenden Outfit durch den Caravaggio-Raum zieht, tut sich ästhetischer Abscheu kund. Doch dafür braucht man ja nicht rechtsradikal zu sein.“), die bei Lau absurderweise dazu führen, dass der Behauptung Raum gegeben wird, der Gründungskongress der AfD-Jugend in Gießen sei praktisch harmlos gewesen (Lau: „Auf viele mögen die Reden und Slogans des Gründungsparteitags bedrohlich radikal gewirkt haben. Für Zierke waren da eine Menge Floskeln, die mühsam verbergen sollten, dass es hier für die Mutterpartei schlicht darum ging, einen Jugendverband besser unter Kontrolle zu bekommen.“).
Bei so viel Bereitschaft zur Selbstaufgabe demokratischer Mindeststandards wundert es nicht, dass weder Lau noch Krause vor Augen haben, dass Volker Zierke nicht nur zu den Neonazis der IB gehört, im Umfeld von Björn Höcke an einem völkischen Umsturz arbeitet, sondern schon bewiesen hat, dass er in einer Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner bereit ist, ein Messer zu ziehen. Gerade der Kulturbereich muss sich gegen diese Selbstaufgabe endlich wehren, falls er seine eigene Freiheit verteidigen will.
Kritik an Laus Rezension: https://taz.de/Rechte-Literatur-in-der-Zeit/!6137211/
Recherche zum Aufmarsch der Casapound: https://lsa-rechtsaussen.net/roemische-gruesse-nach-deutschland/
Volker Zierke und die Gewalt: https://taz.de/Sozialstunden-fuer-Messeropfer/!5492909/
Die erwähnten Rezensionen:
https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article69c11a9d8f5761671715c671/jung-maennlich-rechts-christdemokratie-bekaemen-wir-dann-von-leuten-die-nicht-wissen-wie-die-funktioniert.html
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2025-12/herrengedeck-volker-zierke-afd-neue-rechte-dresden
